Text for exhibition publication Studienpreis-Award 2017 (Academy of Fine Arts Leipzig):

'Das Projekt 'FORENSIC EXCAVATIONS INVENTORY or: The Total Deconstruction of an Armenian Family', zeigt sich in Bildbearbeitungen, unterschiedlichen Praesentationen und einem geplanten Buch. Die Kuenstlerin untersucht [etwa 100] Bilder aus dem privaten Archiv ihrer Familie, Ueberlebende des Voelkermordes an den Armeniern ab 1915 im damaligen Osmanischen Reich. Die Bilder zeigen Motive aus Osteuropa, besonders private Orte in Sofia und Berlin. Die Bilder aus drei Generationen zeigen zunaechst unspektakulaere Aufnahmen des Familienalltags, dem Weihnachtsfest und anderen Festtagen sowie Portraets.

In einer akribischen Arbeit hat Beatrice P. Schuett die Bilder eingescannt, analysiert und in jedem Bild solche Gegenstaende und Bildbereiche freigestellt, die fuer sie eine Bedeutung haben oder bekommen koennten. Da in einigen Bildern die Gegenstaende halb verdeckt sind, kommt es teils zu abstrakten Formen, die durch das Wissen der Kuenstlerin erweitert werden: Kurze Saetze zu der Verwendung oder Provenienz stehen unter den ausgeschnittenen Formen der Gegenstaende und bringen auf beschreibende, teils auch humorvolle Weise den Hintergrund nach vorne. Hier trifft man auf Objekte, in denen sich der Weg der Familie zeigt: ein Brot aus Bulgarien, ein Weihnachtsbaum aus der DDR, oder ein Teller, der die Reise mitgemacht hat und an allen Orten vorkommt.

Mit Roland Barthes koennte man sagen, dass in dieser Arbeit ein Spiel zwischen 'Punctum' und 'Studium' stattfindet: Je mehr wir der Analyse des in den Bildern Verborgenen zusehen, desto mehr wird uns die Umgebung vertraut und trifft uns im naechsten Bild als Erinnerung. Der im Titel benannte Prozess einer 'totalen Dekonstruktion' dient gleichsam dazu, die vor der gewaltsamen Zerstoerung gerettete familiaere Erinnerung zu bewahren. Exemplarisch wird deutlich, was Erinnerung ist, was kontextualisiert werden kann, aber auch was als Luecke bleibt - und als fortlaufende Ausgrabung eine offene Form erhaelt.'

Clemens v. Wedemeyer, 2018