TRADITION. Spuren der Ideologie in erzgebirgischen Weihnachtstraditionen.

TRADITION. Traces of ideology in the Ore Mountain christmas traditions.

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Weihnachten im Erzgebirge
Die erzgebirgische Weihnachtsfest wurde beeinflusst durch Traditionen im angrenzenden katholischen Tschechien ebenso wie durch evangelischen Siedler die im Zuge des Berggeschreys aus Thüringen nach Sachsen kamen. Das Versiegen der ertragreichen Mineralquellen im Ost-Erzgebirge zwang die breite Bevölkerung dazu, sich nach anderen Erwerbsmöglichkeiten umzusehen. Die dichte Bewaldung und die bergarbeitertypischen Handwerksberufe wie Tischler und Schmiede führten dazu, dass ganze Familien sich an der Herstellung von Holzschnitzereien und Kunsthandwerk beteiligten und von deren Verkauf ernährten. Der notorische Mangel an Tageslicht bei der Arbeit untertage, dem Minenarbeiter vor allem im Winter ausgesetzt waren, und die handwerklichen Fähigkeiten welche Kenntnisse der Hydraulik und Statik voraussetzten, stehen laut Volkskundlern hinter der Entwicklung der durch Kerzenluft angetriebenenen modernen erzgebirgischen Weihnachtspyramide aus dem späten 19. Jahrhundert.
Manuel Schramm hat in seiner Analyse sächsischer Konsumkultur festgestellt, dass bereits Anfang des 20. Jahrhunderts der Begriff der 'Tradition' im Erzgebirge werbewirksam für die Aktivierung des Holzkunsthandwerkgeschäfts eingesetzt worden ist.

Erzgebirgische Volkskunde
Im späten 19. Jahrhundert hat im deutschsprachigen Raum die Bewegung der Romantiker viele sogeannnte Heimatvereine entstehen lassen. Dies war ein Akt der lokalen Selbstbehauptung gegenüber der Zersplitterung vieler Regionen in Klein- und Kleinstreiche. Der Erzgebirgsverein ist der älteste dieser Vereine und ist bis heute durch die Weimarer Republik, das Dritte Reich und das sozialistische DDR-Regime hinweg aktiv gewesen. Die Publikation des Vereins 'Glückauf' wird seit 1881 veröffentlicht und zeigt diese politischen Entwicklungen schockierend kontrastreich. Anti-semitische und anti-'orientalische' Interpretationen bestimmter Weihnachtstraditionen wie der Krippendarstellung tauchen bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts auf. Kurz nach Hitlers Machtübernahme wurde die politische Ideologie des Magazins 'Glückauf' komplett auf die kulturpolitische NS-Ideologie gleichgeschaltet. Beispielsweise haben die Autoren Gerhard Heilfurth, Walter Fröbe und Kurt Arnold Findeisen in der 'Glückauf' in den 30ern und 40ern neben Weihnachtswünschen auch faschistische Deklarationen publiziert.

Die meisten Bücher, die über das Erzgebirge veröffentlicht werden, beschäftigen sich haupt- oder nebensächlich mit den regionalen Weihnachtstraditionen. Die Beschreibungen der Entstehung dieser uns heute bekannten Traditionen verweisen vornehmlich auf die christliche Religion und eine archetypische 'Sehnsucht nach dem Licht' des Bergmannes. Publikationen aus dem und über das Erzgebirge stammen größtenteils aus einem Kreis der immer gleichen männlichen Autoren. Manche von ihnen, wie Christian Teller und Johannes Eichhorn, sind professionelle oder Amateurvolkskundler, die regelmäßig Studien und Spekulationen zu lokalen Traditionen wie der Weihnachtspyramide und dem Schwibbogen veröffentlichen oder kommentieren.

Es gibt Widersprüche in den unterschiedlichen Schilderungen und der Bewertung darüber, wie sich die Verbreitung und die Vermarktung erzgebirgischer Weihnachtstraditionen im Nationalsozialismus entwickelt hat. Nach dem Krieg haben die meisten regionalen Publikationen wie die Glückauf, die Erzgebirgischen Heimatblätter oder Unsere Heimat die immer gleichen Experten der Region bemüht, die sich gelegentlich wiederum auf das zusammengetragene Wissen der frühesten Sammler des erzgebirgischen Kunsthandwerks berufen, Alwin Seifert und Oskar Seyffert.

Ob ein Text während der sozialistischen oder post-sozialistischen Zeit geschrieben wurde, kann man in der Regel daran erkennen, ob er die national-sozialistische Zeit ganz überspringt, oder sie ambivalent umschreibt. Aufschluss über die ideologischen Wurzeln der 'Player' des Erzgebirges welche weiterhin das Bild der Region in Artikeln und Büchern nach innen und außen kommunizieren, geben unter anderem die Wahl der Zitate, welche die Experten einsetzen. Im totalitären DDR Regime galten Sprachverbote, und Sprachcodes standen auch in der relativ insularen Gemeinschaft der Traditionalisten im Erzgebirge denjenigen zur Verfügung, die dem Leser ihre wahre poltische Gesinnung kundtun wollten. Wenn jemand über einen bestimmten historischen Hergang ein Zitat von Kurt Arnold Findeisen anstatt einer anderen politisch weniger belasteten Quelle bemüht, funktioniert dies wie ein Signal an politisch ähnlich denkende Leser. Diese Strategie wird auch in Texten angewendet, die nach der Wende veröffentlicht wurden, z.B. in Gerhard Heilfurths 'Weihnachtsland Erzgebirge'.

Einfluss der NSDAP auf Weihnachtstraditionen im Erzgebirge
Zwei NS-Kulturpolitische Think Tanks, das Amt Rosenberg und die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, wurden von der NSDAP unter anderem dazu eingesetzt, langfristig christliche und sogenannte 'orientalische' Elemente aus der traditionellen Weihnachtssymbolik zu verbannen und christliche Feste wie Weihnachten und Ostern in eine Alt-Germanische Festivität umzudeuten. Eines der regionalen Organe dieser NS-Kulturpolitik ist das Heimatwerk Sachsen. Mithilfe von identitätsstiftenden Maßnahmen, die Folklore und Konsums miteinander in Verbindung brachten, sollte die nationalsozialistische Ideologie in Sachsen verbreitet werden. Unter der Leitung von Martin Mutschmann brachte das Heimatwerk Sachsen alle bis dahin existierenden Heimatvereine im Erzgebirge unter ein Dach. Alte und neue Traditionen wie die erzgebirgische Weihnachtspyramide und der Schwibbogen wurden dabei instrumentalisiert, und neue Figuren wurden entwickelt, wie das Olbernhauer Reiterlein, das als Maskottchen des Winterhilfswerks fungierte.

Der Industrielle F.E. Krauss ist in seiner Heimatstadt Schwarzenberg bis heute bekannt und spielte bei diesem für das erzgebirgische Kunsthandwerk revitalisierenden Prozess eine wichtige Rolle. Er hat eine der ersten lebensgroßen 'Pyramiden für Alle' bauen lassen, die bis heute in Schwarzenberg steht, wird in der Öffentlichkeit ungeachtet seiner unmittelbaren Nähe zu NS-Funktionären wegen seines Erfindungsreichtums, und seiner Initiative zur 'Feierohmdschau', verklärt dargestellt. Die Feierohmdschau zog 300.000 Besucher in die kleine Stadt und popularisierte den Schwibbogen als Massenprodukt.

Schwibbogen
Der Schwibbogen, im frühen 18. Jahrhundert entstanden, war ursprünglich ein Kerzenhalter, der als exklusives Geschenk unter Bergleuten ausgetauscht wurde. Er wurde von Bergleuten geschmiedet und stellte Adam und Eva, den Paradiesbaum, Bergmänner in Tracht oder Engel dar. Zum Zeitpunkt der Feierohmdschau existierten einige dutzend Schwibbogen im Erzgebirge, aber das Heimatwerk Sachsen betrachtete ihn als einen Kommunikator der subtil nationalsozialistische Werte unter die feiernden Massen bringen konnte. So wurde im Vorlauf der Feierohmdschau über die Vereinszeitschrift des Erzgebirgsvereins ein Aufruf an Gestalter kommuniziert, der für Einreichungen zu einem neuen Entwurf für einen Schwibbogen warb, der deutsche Traditionen vertrat und ohne christliche und 'orientalische' Elemente auskam. Den Sieger-Entwurf hat Paula Jordan eingereicht, eine Leipziger Grafikdesignerin.

'Räuchertürke'
Der erzgebirgische 'Räucher-' oder 'Lichtertürke' der als Weihnachtsdekoration verwendet wird, entstammt weder der Bergmannskultur noch der christlichen Religion. Er ist einem stereotypisierten Osmanischen Tuerken nachempfunden und wurde ab dem spaeten 18. Jahrhundert im Erzgebirge in Handarbeit hergestellt. Zu einem Massenprodukt wurde er erst zu DDR Zeiten. In der Regionalliteratur wird die Figur oft als 'Fremder' bezeichnet. Es ist interessant, dass die Figur während des Dritten Reiches in Zeitschriften als beliebte Dekoration abgebildet wurde obwohl sie doch dem anti-'orientalischen' Dogma des Heimatwerk Sachsens entgegegen gehen musste. Waehrend der sozialistischen Zeit dagegen wurde der 'Türke' eigens in Werbeprospekten des VEB beworben und in der Regionalliteratur fast durchweg als erstes genannt wenn es darum ging, beliebte Raeuchermännchentypen vorzustellen. Die meisten anderen Raeuchermännchentypen stellen Handwerksberufe wie Förster, Jäger und aehnliches dar.
Nach meiner Analyse der verfügbaren Medien ist die Nennung und Abbildung des 'Räuchertürken' nach dem Mauerfall aus Publikationen über das und aus dem Erzgebirge zum großen Teil völlig verschwunden. Eine Ausnahme stellt das Buch 'Raeuchermänner im Saechsischen Erzgebirge', veröffentlicht 2000.

Further reading
About politics in Saxony
Kleffner, Heike; Meisner, Matthias (Ed.). Unter Sachsen: Zwischen Wut und Willkommen. CH. Links Verlag. 2017
Richard Faber, Esther Gajek, (Ed.). Politische Weihnachten in Antike und Moderne. Koenigshausen und Neumann GmbH. 1997
Schaarschmidt, Thomas. Regionalkultur und Diktatur. Boehlau Koeln. 2004
Schramm, Manuel. Konsum und regionale Identitaet in Sachsen 1880-2000. Steiner Verlag. 2002
Seifert, Manfred (Ed.). Zwischen Emotion und Kalkuel. 'Heimat' als Argument im Prozess der Moderne. Leipziger Universitaetsverlag. 2010

Monographies about folklore in the Ore Mountains
Auerbach, Konrad. Seiffener Weihnacht. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum, 1991
Bachmann, Manfred. Holzspielzeug aus dem Erzgebirge. VEB Verlag der Kunst Dresden, 1984
Bilz, Hellmut. Das Reifendreherhandwerk im Spielwarengebiet Seiffen. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Kurort Seiffen, 1976
Bilz, Hellmut. Spielzeugdorf Kurort Seiffen. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Kurort Seiffen, 1979
Bilz, Hellmut. Erzgebirgische Raeuchermaenner. Folklorezentrum Erzgebirge/Vogtland beim Bezirkskabinett fuer Kulturarbeit. 1987
Blechschmidt, Manfred. Engel und Bergmann. Husum, 1995
Heilfurth, Gerhard. Weihnachtsland Erzgebirge. Husum, 1993
Leichsenring, Claus. Erzgebirgische Weihnachtspyramiden. Glueck Auf. Beitraege zur Folklorepflege. Zentrum zur Pflege der erzgebirgischen und vogtlaendischen Folklore. 1987
Leichsenring, Claus. Der erzgebirgische Leuchterbergmann. Folklorezentrum Erzgebirge/Vogtland beim Bezirkskabinett fuer Kulturarbeit. 1984
Peschel, Tina. Ein mechanischer Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge. Verlag der Kunst. 2015
Teller, Christian. Erzgebirgische Schwibboegen. Folklorezentrum Erzgebirge/Vogtland beim Bezirkskabinett fuer Kulturarbeit. 1989

Regional folklore bulletins
Erzgebirgische Heimatblaetter. Kulturbund Landesverband Sachsen e. V. 1979 -
Der Heimatfreund fuer das Erzgebirge. Kulturbund der DDR. 1958 - 1979
Glueckauf. Erzgebirgsverein. 1881 - Sachsen: Zeitschrift des Heimatwerkes Sachsen, 1937 - 1943