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This project was exhibited in two other versions in 2019: Up in Arms / Art in the Underground.

Project description in German
I. Einführung
Forensic Excavations Inventory ist ein fortlaufendes Projekt, das Fotografie, Collage und Text verwendet, um eine Geschichte zu erzählen. Derzeit existiert eine Serie von siebzig Fotografien, in Bearbeitung sind weitere mehrere hundert Fotografien. Die Erzählung, deren Beginn vor meiner Geburt liegt, spannt sich von Eurasien bis Ost- und Westeuropa. Sie bewegt sich entlang meiner Biographie und berührt unterschiedliche zeitgeschichtliche Ereignisse wie den sozialistischen Totalitarismus in Bulgarien und der DDR, Migration und Wende, Armenischer Genozid, Stasi, Trauma, Krankheit, Konsumgeschichte, Familie, Alltag.

Zu meiner Arbeitsweise. Ich habe alle Familienfotos gescannt, die mir übrig geblieben sind. Sie wurden in Bulgarien und Deutschland zwischen den 1930er und 2000er Jahren aufgenommen. Die Fotos habe ich digital auseinandergeschnitten und tausende von Objekten extrahiert wie Spielzeug, Möbel, eigene und fremde Körperteile. Zu jedem dieser Objekte schreibe ich etwas auf. Woran es mich erinnert oder Wissen über dessen Ursprung und Bedeutung. Als nächsten Schritt habe ich die Elemente auf Fine Art Papier ausgedruckt, auf Kunststoffmaterial montiert, und in einem körperlich aufwändigen Prozess erneut ausgeschnitten. Jetzt sind die einzelnen Elemente aus der Begrenzung des viereckigen Fotos wieder in räumliche Objekte übersetzt worden.

Das einst-vollständige Privatfoto expandiert buchstäblich und im übertragenen Sinne, und eröffnet eine dazwischenliegende Ebene, eine Lücke, auf der sich Unsagbares und Ambivalentes ausdrücken lässt. Die repräsentative Funktion des Fotos als Familienbild, Schnappschuss, Zeitdokument ist zusammengebrochen und gibt den unmittelbaren Blick frei auf das einzelne Element. Das vollständige Foto verliert seinen Wahrheitsanspruch, da sich mehr dahinter verbirgt, als auf den ersten Blick erkennbar. Die 'totale Dekonstruktion' dieser Fotos gibt mir die Methodologie einer dezentralisierten Erzählweise an die Hand mit der ich meine Biographie auf ihre Strukturen und ihr politisches Fundament hin untersuchen kann.

II. Hintergrund
Angefangen hat dieses Projekt mit einem unbestimmten künstlerischen Verlangen danach, architektonisch in der Zeit zurück zu reisen. Ich wollte die Wohnungen meiner Kindheit in das Hier und Jetzt wieder aufbauen, buchstäblich. Ich habe monatelang experimentiert bis ich damit angefangen habe, die Oberflächen voneinander zu trennen und zu ordnen.
Die Welt der Fotos, in die ich auf meinem Bildschirm hineingezoomt habe, ist tiefgründiger geworden. Mein Erinnerungsprozess wurde angekurbelt, und die Lücken wurden sichtbar gemacht.
Die Oberflächen geben nicht nur Erinnerungen und Informationen frei auf die darin abgebildeten Objekte. Im Prozess habe ich mich auch an andere, jahrzehntelang vergessene Objekte erinnert, und damit auch an Situationen, und damit verbundene Gefühle.

So viel Zeit mit den Fotos in Großaufnahme auf meinem Computerbildschirm zu verbringen, hat meine Beziehung zu ihnen verändert. Wieder und wieder den Kopf meiner Mutter in Photoshop abzuschneiden hat einen Effekt auf mich gehabt. Ich habe nur einen kleinen Bestand an Fotos, weil der Rest weggeworfen wurde. Innerhalb der Realität der Fotos, die mir übriggeblieben sind, finden sich im Hintergrund auch immer wieder andere Fotos. Die ausgeschnittenen Fotos habe ich noch einmal in Kapa-Objekte verwandelt. Sie sind verglichen mit dem Rest der Objekte noch unschärfer und verschwommener. Dies illustriert wie stark sich das Projekt Forensic Excavations Inventory ueber Ebenen der Distanz definiert. Ebenen der Distanz, die sowohl fotografisch ausgedrückt werden, als auch psychologisch.

Da ich in meiner Kindheit von meiner Mutter viel belogen wurde, und bis heute Dinge über meine Herkunft nicht weiss, ist diese Arbeit ein spekulatives Annähern an die Wahrheit mittels dem, was ich weiss oder glaube zu wissen. Bei der Eröffnung von Kunst im Untergrund 2019 und meiner Diplompräsentation im Februar habe ich das erste Mal erleben können, dass das Erzählen dieser Geschichte auf diese künstlerische Art positive Gefühle beim Publikum auslöst.

III. Politische Multiperspektive
Viele Künstler arbeiten mit Familienfotos und Zeitdokumenten, die sie mittels verschiedener Techniken verfremden oder mit eigenem oder gefundenem Material collagieren. Meine Weiterentwicklung der Collage-Technik übersetzt die einstigen drei-dimensionalen Objekte vom fotografischen 2D-Raum in eine neu rekonstruierte räumliche Umgebung. Die auf Kunststoffplatten montierten Objekte werden für die neugeschaffenen Fotos zu Requisiten im Hier und Jetzt. Schatten, die zum Zeitpunkt der Aufnahme auf Objekte fielen, oder Reflektionen auf Fernsehern sind in der Zeit erstarrt, und werden in die neukomponierten Fotos hinein übernommen. Das neugeschaffene Foto bzw. die Fotoinstallation funktionieren somit wie eine kubistische Zeitmaschine: alle Zeiten und Perspektiven existieren parallel und setzen sich zueinander in Beziehung.
Die Kakophonie der unterschiedlichen Zeiten erlaubt eine Multiperspektive auf mein Leben, das von so vielen politischen Ereignissen in verschiedene Richtungen gedrängt worden ist. Die ausgeschnittenen Objekte werden unabhängig davon, ob es sich dabei um organisches oder nicht organisches Material handelt, gleichwertig behandelt. Jedes Objekt, ob Hand oder Spielzeug, ermöglicht eine weitere Perspektive auf mein Leben, und damit auch auf ein Stück Geschichte.

Dieser Multiperspektivismus funktioniert nicht nur im fotografischen Sinne. Die Multiperspektive ist eine Metapher für die Kakophonie der Interpretationen umstrittener geschichtlicher und politischer Ereignisse. Geschichtsschreibung hat keine politische Eindeutigkeit sondern unterliegt Interpretationen die beeinflusst werden von sich verändernden Narrativen. Ereignisse wie der Zusammenbruch des Sozialismus, Migration oder der Armenische Genozid werden zu Projektionsflächen unterschiedlicher Ideologien. Beispielsweise der Genozid an den Armeniern, Assyrern und Griechen im Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1919: er wird seit der Gründung der heutigen Türkei systematisch totgeschwiegen, wie ich selbst erst seit einigen Jahren weiss. Auch Deutschland, das, als Verbündeter der Osmanen im 1. Weltkrieg, die nötigen Waffen geliefert hat und tödliche Deportationen der Opfer in die Wüste facilitiert hat, begegnet dem Gedenken an die Opfer nicht mit der entsprechenden Perspektive eines Täters.

Multiperspektivismus bedeutet auch, zu sagen: eine Katastrophe kann auch etwas Gutes haben - egoistisch gesprochen zum Beispiel meine Geburt. Eine Katastrophe kann mehrere Wahrheiten in sich bergen.

IV. Schluss
Ich habe Methoden der Kriminalistik und Archäologie angewendet um die Geschichte zu erzählen. Anders als es der Titel Forensic Excavations Inventory vermuten lässt, arbeite ich bei diesem Projekt allerdings nicht wie eine Archäologin. Ich habe die fehlenden Stücke meiner Biographie ausgegraben, indem ich das komplette Gegenteil von dem tue, was Archäologen machen - jene suchen die Erde nach Scherben der antiken, einst-vollständigen Objekte ab und rekonstruieren sie, indem sie die fehlenden Teile nachzeichnen. Demgegenüber musste ich mein archetypisches Familienbild zerbrechen um zu verstehen, was die Artefakte meiner Kindheit vor aller Augen, vor allem meiner eigenen, verborgen gehalten haben. Im Erinnerungsprozess haben sich die Artefakte auch als Dokumente entpuppt, die meine persönliche Geschichte mit der politischen Geschichte Deutschlands verknüpfen.

Die einzelnen Objekte in den Fotos können Referenzpunkte für viele verschiedene Menschen sein. Manche davon sind Konsumobjekte zu bestimmten Momenten der Zeitgeschichte, andere können an eigene, persönliche Verbindungen zur Familie und der eigenen Biographie erinnern. Über die Objekte und meine persönlichen Verbindungen dazu betrete ich die Geschichte anderer Menschen, und andere Menschen betreten meine Geschichte.

Dieses Projekt wurde in verschiedenen Versionen seit 2017 gezeigt, eine der rezentesten Ausstellungen ist eine Plakatserie im öffentlichen Raum gewesen im U-Bahnhof Stadtmitte in Berlin.

Project description in English
I. Introduction
I am using photography, collage and text to tell a story. The story begins before my birth. It moves along my biography and touches different political and historic events like socialist totalitarianism in Bulgaria and the GDR, migration and the fall of the Berlin wall, the Armenian genocide, state surveillance, trauma, and family. Of a series of several 100 I have currently realised 70 images.

About my work process. I have scanned all family photos that were left in my possession. They were taken in Bulgaria and Germany between the 1930s and the 2000s. I digitally cut out the photos and extracted objects like toys, furniture and body parts of others and myself. I write something about each of the objects, what it reminds me of or knowledge about its meaning and origin.

As a next step, I have printed the elements on fine art paper, mounted them on Kapa material and cut them out of the material in a physically demanding process. Now the individual elements have been translated from the confines of the square photos into threedimensional objects.
The once-whole family picture expands literally and figuratively and opens an inbetween level, a void, in which I can express something of the ambivalence and inexpressible. The representative function of the photo as a family picture, snapshot or document gives way to the immediate view of the individual element.

The 'total deconstruction' of the photos gives me the tool of a methodology that allows for a decentralized storytelling with which I can examinate the structure and political foundation of my biography.

II. Background
The project began with a vague artistic desire to travel back in time via architecture. I wanted to re-build the apartments of my childhood in the Here and Now, literally. Within a span of many months I experimented with that desire until I began to separate and archive the surfaces within the family photos from each other.

The world of photos into which I zoomed on my screen became deeper. My memory was jogged and the vastness of the voids inbetween recollections became apparent. The surfaces do not only make space for memories and information about the pictured objects. In the process, I also recalled decades-long forgotten objects and situations, and the emotions connected to them.

To spend so much time up close with the photos on my computer screen has changed my relationship to them. I cut off my mother's head again and again which has had an effect on me. I have retained only a small part of the photos, because the rest was thrown away. Within the reality of the photos that have remained, there are visible also other photos. I have transformed the cut-out photos again into Kapa objects. Compared to the rest of the objects they are even more hazy and grainy. This illustrates how much the project Forensic Excavations Inventory is defined by layers of distance. Layers of distance that are both photographically expressed as well as psychologically.

Because I have been lied to a lot by my mother, there are things to this date that I don't know about my origin. This work allows me to speculatively approximate reality, or truth, by using the things I do know, or believe to know. During the opening of Art in the Underground 2019 and my diplom presentation in February 2020 I was able to experience for the first time what kind of feelings the telling of this story in this artistic medium can inspire in the members of the audience.

III. Political multi-perspective
Many artists work with family photos and documents that they alienate using various techniques or which they collage with their own or found material.

My development of the collage technique transfers the former 3D objects from the photographic 2D again into a new 3D environment. The objects, mounted on slabs of synthetic material, become props for the newly created photos in the here and now. Shadows that fell on the objects at the time of the photograph, or reflections on TVs are frozen in time and incorporated into the new photographic composition. Thus the newly created photo or photo installation works like a cubist time machine: all times and perspectives exist simultaneously and are put in relations to each other.

The cacophony of the different times allows a multi perspective look on my life that has been moved into different directions by so many political events. The cut-out objects are treated equally regardless whether they are organic or inorganic material. Each object, no matter if hand or toy, enables another perspective on my life, and with this, also on a piece of history.

This multi-perspectivism works not only in the photographic sense. The Multiperspective is a metaphor for the cacophony of interpretations of contested historical and political events. Historical scholarship is not politically unambiguous and is subject to interpretations influenced by changing narratives. Events like the collapse of socialism, migration or the Armenian genocide become a projection surface of different ideologies. For instance the genocide of Armenians, Assyrians and Greeks that took place in the Ottoman Empire between 1915 and 1919: since the founding of modern day Turkey its has been denied in the country. And Germany that, as the Ottoman's ally in the First World War, facilitated the deadly desert deportations and shipped the arms necessary, doesn't face the memorial with the according perspective of a perpetrator.

Multi-perspectivism also means saying: a catastrophe can spawn something positive - selfishly speaking for instance my birth. A catastrophe can bear several truths.

IV. Conclusion
I have used methods of criminology and archaeology to tell the story. Contrary to what the title Forensic Excavations Inventory suggests I don't work in this project like an archaeologist. I have excavated the missing pieces in my biography by doing the complete opposite of what archaeologists are doing - they search the grounds for shards of an antique, once-whole object to reconstruct them by drawing in the missing pieces. In contrast, I had to destroy my archetypical family picture to understand what the artifacts of my childhood held concealed in front of everyone's, especially my own, eyes. In the process of revaluating memories, which, more so than I originally believed, resembled a healing journey of discovery, the artifacts revealed themselves as documents that connect my private history with the political history between Eurasia, Eastern and Western Europe.

The individual objects in the photos can be points of reference for many different people. Some of them are consumer items from certain moments in time and others can be reminders of more personal connection to family and ones own biography. Through the objects and the telling of my particular connection to them I enter people's stories, and they enter mine.

The project has been shown in different versions since 2017, one of the most recent exhibitions was 2019 a series of billboards in public space in the metro station Stadtmitte in Berlin.

Beatrice Schuett Moumdjian, 2020

Excerpt from catalog
'Mit Roland Barthes koennte man sagen, dass in dieser Arbeit ein Spiel zwischen 'Punctum' und 'Studium' stattfindet: Je mehr wir der Analyse des in den Bildern Verborgenen zusehen, desto mehr wird uns die Umgebung vertraut und trifft uns im naechsten Bild als Erinnerung. Der im Titel benannte Prozess einer 'totalen Dekonstruktion' dient gleichsam dazu, die vor der gewaltsamen Zerstoerung gerettete familiaere Erinnerung zu bewahren. Exemplarisch wird deutlich, was Erinnerung ist, was kontextualisiert werden kann, aber auch was als Luecke bleibt - und als fortlaufende Ausgrabung eine offene Form erhaelt.'
Clemens v. Wedemeyer, 2018

Exhibition history
2019
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien and neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Up in Arms. Berlin, DE
neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Kunst im Untergrund (Art in the Underground). Berlin, DE
2018
Gallery of the Academy of Fine Arts. Cultural Memory. Leipzig, DE
2017
Gallery of the Academy of Fine Arts. Studienpreis 2017 of the Freundeskreis of the Academy of Fine Arts Leipzig 2017. Leipzig, DE catalogue

Awards
2019
neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Kunst im Untergrund (Art in the Underground) competition winner. Berlin, DE
2017
Academy of Fine Arts Leipzig. Studienpreis 2017 of the Freundeskreis of the Academy of Fine Arts Leipzig. 2nd/3rd place. catalogue

Publications
2019
Up in Arms. Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Berlin, DE
2018
Studienpreis 2017 of the Freundeskreis of the Academy of Fine Arts Leipzig. Leipzig, DE

Notes
For the competition Art in the Underground/Kunst im Untergrund yearly held by the nGbK Berlin I developed a collage technique in 2019. The result are four billboard designs that were exhibited September 15 - Nov 4 at the Berlin metro station Stadtmitte.
In addition to the photos from my family photo archive I also used historical photos of the Armenian genocide for that project. I cut out weaponry and personal effects of the German and Turkish officials people who facilitated the genocide. I put the objects in front of politically charged places like the GDR intelligence service Stasi, in front of the gates of the responsible German weapons companies and sites of my childhood in East Berlin.
For a second exhibition project in 2019, 'Up in Arms' at the Kunstraum Bethanien, I have created another photo series of five motifs presented within an installation. The project is a speculative recreation of my different childhood homes, playing with perspective and anonymity.
Prior iterations can be found here.
The latest iteration of this project can be found here.