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Forensic Excavations Inventory</p>
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Project description in German
I. Einführung
Forensic Excavations Inventory ist ein fortlaufendes Projekt, das Fotografie, Collage und Text verwendet, um eine Geschichte zu erzählen. Diese Erzählung, deren Beginn vor meiner Geburt liegt, spannt sich von Eurasien bis Ost- und Westeuropa. Sie bewegt sich entlang meiner Biographie und berührt unterschiedliche politische und historische Ereignisse wie den sozialistischen Totalitarismus in Bulgarien und der DDR, Migration und Wende, Armenischer Genozid, Stasi, Trauma, Krankheit, Konsumgeschichte, Familie, Alltag. Derzeit habe ich 70 Fotografien von mehreren 100 realisiert.

Zu meiner Arbeitsweise. Ich habe alle Familienfotos gescannt, die mir übrig geblieben sind. Sie wurden in Bulgarien und Deutschland zwischen den 1930er und 2000er Jahren aufgenommen. Die Fotos habe ich digital auseinandergeschnitten und Objekte extrahiert wie Spielzeug, Möbel, eigene und fremde Körperteile. Zu jedem dieser Objekte schreibe ich etwas auf. Woran es mich erinnert oder Wissen über dessen Ursprung und Bedeutung.
Die Objekte erscheinen nun perspektivisch verzerrt, weil sie sich nicht mehr in ihrem fotografischen Kontext befinden. Deshalb wird ihre Funktion namentlich genannt ('Hand; 'Modem'). Die visuelle Repräsentation eines Objekts wird um die sprachliche Identifikation verdoppelt. Die sprachliche Nennung und Interpretation des Gegenstandes weckt Assoziationen, während der gleichzeitige Anblick der verzerrten visuellen Darstellung des Gegenstandes die vertrauten Assoziationen brechen kann.

Als nächsten Schritt habe ich die Elemente ausgedruckt und auf Kapamaterial montiert. Jetzt sind die einzelnen Elemente aus der Begrenzung des viereckigen Fotos wieder in räumliche Objekte übersetzt worden.

Das einst-vollständige Privatfoto expandiert buchstäblich und im übertragenen Sinne, und eröffnet eine dazwischenliegende Ebene, eine Lücke, auf der sich Unsagbares und Ambivalentes ausdrücken lässt.

Da ich in meiner Kindheit von meiner Mutter viel belogen wurde, und bis heute essentielle Dinge über meine Herkunft nicht weiss, ist diese Arbeit ein spekulatives Annähern an die Wahrheit mittels dem, was ich weiss oder glaube zu wissen. Die repräsentative Funktion des Fotos als Familienbild, Schnappschuss, Zeitdokument ist zusammengebrochen und gibt den unmittelbaren Blick frei auf das einzelne Element.

Die 'totale Dekonstruktion' dieser Fotos gibt mir die Methodologie einer dezentralisierten Erzählweise an die Hand mit der ich meine Biographie auf ihre Strukturen und ihr politisches Fundament hin untersuchen kann.

II. Politische Multiperspektive
Viele Künstler arbeiten mit Familienfotos und Zeitdokumenten, die sie mittels verschiedener Techniken verfremden oder mit eigenem oder gefundenem Material collagieren.
Meine Weiterentwicklung der Collage-Technik übersetzt die einstigen drei-dimensionalen Objekte vom fotografischen 2D-Raum in eine neu rekonstruierte räumliche Umgebung. Die auf Kunststoffplatten montierten Objekte werden für die neugeschaffenen Fotos zu Requisiten im Hier und Jetzt. Schatten, die zum Zeitpunkt der Aufnahme auf Objekte fielen, oder Reflektionen auf Fernsehern sind in der Zeit erstarrt, und werden in die neukomponierten Fotos hinein übernommen. Das neugeschaffene Foto bzw. die Fotoinstallation funktionieren somit wie eine kubistische Zeitmaschine: alle Zeiten und Perspektiven existieren parallel und setzen sich zueinander in Beziehung.

Die Kakophonie der unterschiedlichen Zeiten erlaubt eine Multiperspektive auf mein Leben, das von so vielen politischen Ereignissen in verschiedene Richtungen gedrängt worden ist. Die ausgeschnittenen Objekte werden unabhängig davon, ob es sich dabei um organisches oder nicht organisches Material handelt, gleichwertig behandelt. Jedes Objekt, ob Hand oder Spielzeug, ermöglicht eine weitere Perspektive auf mein Leben, und damit auch auf ein Stück Geschichte.

Dieser Multiperspektivismus funktioniert nicht nur im fotografischen Sinne. Die Multiperspektive ist eine Metapher für die Kakophonie der Interpretationen umstrittener geschichtlicher und politischer Ereignisse. Geschichtsschreibung hat keine politische Eindeutigkeit sondern unterliegt Interpretationen die beeinflusst werden von sich verändernden Narrativen. Ereignisse wie der Zusammenbruch des Sozialismus, Migration oder der Armenische Genozid werden zu Projektionsflächen unterschiedlicher Ideologien. Beispielsweise der Genozid an den Armeniern, Assyrern und Griechen im Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1919: er wird seit der Gründung der heutigen Türkei systematisch totgeschwiegen, wie ich selbst erst seit einigen Jahren weiss. Auch Deutschland, das, als Verbündeter der Osmanen im 1. Weltkrieg, die nötigen Waffen geliefert hat und tödliche Deportationen der Opfer in die Wüste facilitiert hat, begegnet dem Gedenken an die Opfer nicht mit der entsprechenden Perspektive eines Täters.

Multiperspektivismus bedeutet auch, zu sagen: eine Katastrophe kann auch etwas Gutes haben - egoistisch gesprochen zum Beispiel meine Geburt. Eine Katastrophe kann mehrere Wahrheiten in sich bergen.

III. Schluss
Anders als es der Titel Forensic Excavations Inventory vermuten lässt, arbeite ich also bei diesem Projekt nicht wie eine Archäologin. Ich habe die fehlenden Stücke meiner Biographie ausgegraben, indem ich das komplette Gegenteil von dem tue, was Archäologen machen - jene suchen die Erde nach Scherben der antiken, einst-vollständigen Objekte ab und rekonstruieren sie, indem sie die fehlenden Teile nachzeichnen. Demgegenüber musste ich mein archetypisches Familienbild zerbrechen um zu verstehen, was die Artefakte meiner Kindheit vor aller Augen, vor allem meiner eigenen, verborgen gehalten haben. Im Erinnerungsprozess, der vielmehr als ursprünglich gedacht, einer heilsamen Entdeckungsreise glich, haben sich die Artefakte auch als Dokumente entpuppt, die meine persönliche Geschichte mit der politischen Geschichte Deutschlands verknüpfen.

Project description in English
I. Introduction
Forensic Excavations Inventory is an ongoing project that uses photography, collage and text to tell a story. Currently around 70 photos are in existence, planned are several hundred. The story begins before my birth and spans from Eurasia to Eastern and Western Europe. It moves along my biography and touches different political and historic events like socialist totalitarism in Bulgaria and the GDR, migration and the fall of the Berlin wall, the Armenian genocide, state surveillance, trauma, health, consumership, family, and everyday life.

About my process. I have scanned all family photos that were left in my possession. They were taken in Bulgaria and Germany between the 1930s and the 2000s. I digitally cut out the photos and extracted objects like toys, furniture and body parts of others and myself. I write something about each of the objects, what it reminds me of or knowledge about its meaning and origin.
The objects now seem perspectively distorted, because they are not rooted in their native photographic context anymore. This is why I identify them by name ('hand', 'modem'). The visual representation of an object is being doubled by the textual linguistic identification. Associations arise upon reading the identification and interpretation of the object meanwhile the simultaneous sight of the distorted visual depiction of the object might disrupt familiar associations.

As a next step, I have printed the elements on paper and mounted them on Kapa material. Now the individual elements have been translated from the confines of the square photos into threedimensional objects.
The once-whole family picture expands literally and figuratively and opens an inbetween level, a void, in which I can express something of the ambivalence and inexpressible.

Because I have been lied to a lot by my mother, there are things to this date that I don't know about my origin. This work allows me to speculatively approximate the truth, by using the things I do know, or believe to know. The representative function of the photo as a family picture, snapshot or document gives way to the immediate view of the individual element.

The 'total deconstruction' of the photos gives me the tool of a methodology that allows for a decentralized storytelling with which I can examinate the structure and political foundation of of my biography.

II. Political multi-perspective
Many artists work with family photos and documents that they alienate using various techniques or which they collage with their own or found material.

My development of the collage technique transfers the former 3D objects from the photographic 2D again into a new 3D environment. The objects, mounted on slabs of synthetic material, become props for the newly created photos in the here and now. Shadows that fell on the objects at the time of the photograph, or reflections on TVs are frozen in time and incorporated into the new photographic composition. Thus the newly created photo or photo installation works like a cubist time machine: all times and perspectives exist simultaneously and are put in relations to each other.

The cacophony of the different times allows a multi perspective look on my life that has been moved into different directions by so many political events. The cut-out objects are treated equally regardless whether they are organic or inorganic material. Each object, no matter if hand or toy, enables another perspective on my life, and with this, also on a piece of history.

This multi-perspectivism works not only in the photographic sense. The Multiperspective is a metaphor for the cacophony of interpretations of contested historical and political events. Historical scholarship is not politically unambiguous and is subject to interpretations influenced by changing narratives. Events like the collapse of socialism, migration or the Armenian genocide become a projection surface of different ideologies. For instance the genocide of Armenians, Assyrians and Greeks that took place in the Ottoman Empire between 1915 and 1919: since the founding of modern day Turkey its has been denied in the country. And Germany that, as the Ottoman's ally in the First World War, facilitated the deadly desert deportations and shipped the arms necessary, doesn't face the memory with the according perspective of a perpetrator.

Multi-perspectivism also means saying: a catastrophe can spawn something positive - selfishly speaking for instance my birth. A catastrophe can bear several truths.

III. Conclusion
Contrary to what the title Forensic Excavations Inventory suggests I don't work for this project like an archaeologist. I have excavated the missing pieces in my biography by doing the complete opposite of what archaeologists are doing - they search the grounds for shards of an antique, once-whole object to reconstruct them by drawing in the missing pieces. In contrast, I had to destroy my archetypical family picture to understand what the artifacts of my childhood held concealed in front of everyone's, especially my own, eyes. In the process of revaluating memories, which, more so than I originally believed, resembled a healing journey of discovery, the artifacts revealed themselves as documents that connect my private history with the political history between Eurasia, East and West Europe.

Beatrice Schuett Moumdjian, 2019

Excerpt from catalog
'Mit Roland Barthes koennte man sagen, dass in dieser Arbeit ein Spiel zwischen 'Punctum' und 'Studium' stattfindet: Je mehr wir der Analyse des in den Bildern Verborgenen zusehen, desto mehr wird uns die Umgebung vertraut und trifft uns im naechsten Bild als Erinnerung. Der im Titel benannte Prozess einer 'totalen Dekonstruktion' dient gleichsam dazu, die vor der gewaltsamen Zerstoerung gerettete familiaere Erinnerung zu bewahren. Exemplarisch wird deutlich, was Erinnerung ist, was kontextualisiert werden kann, aber auch was als Luecke bleibt - und als fortlaufende Ausgrabung eine offene Form erhaelt.'
Clemens v. Wedemeyer, 2018

Exhibition history of former iterations of the project
2019 Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. Neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Up in Arms. Berlin, DE
Neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Kunst im Untergrund (Art in the Underground). Berlin, DE
2018 Gallery of the Academy of Fine Arts. Cultural Memory. Leipzig, DE
2017 Gallery of the Academy of Fine Arts. Studienpreis-Award. Leipzig, DE catalogue

Awards
2019 Neue Gesellschaft fuer bildende Kunst Berlin nGbK. Up in Arms/Art in the Underground competition (Up in Arms/Kunst im Untergrund).
2017 Academy of Fine Arts Leipzig. Studienpreis-Award. 2nd/3rd place. catalogue

Publications
2018 Studienpreis-Award 2017. Academy of Fine Arts. Leipzig, DE
Notes
I presented the photo series 'The Inventory' first on 11 February 2020 during my graduation presentation at my own home within an artist lecture. Displayed was a selection of 70 photos out of several hundred from the Forensic Excavations Inventory. This project was exhibited in another iteration in 2019 in the public space and can be found here.